Manon Lescaut


Giacomo Puccini (1858 – 1924)

Gastspiel der Deutschen Oper Berlin am Royal Opera House Muskat / Oman

Dramma lirico in vier Akten
Libretto nach Abbé Prévost von Ruggero Leoncavallo, Marco Praga, Domenico Oliva,
Luigi Illica, Giuseppe Giacosa, Giulio Ricordi, Giuseppe Adami und dem Komponisten
Uraufführung am 1. Februar 1893 in Turin
Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 19. Dezember 2004

In italienischer Sprache

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Besetzung

Musikalische Leitung Roberto Rizzi Brignoli
Inszenierung Gilbert Deflo
Bühne, Kostüme William Orlandi
Chöre William Spaulding
Manon Lescaut Hui He
Sergeant Lescaut Markus Brück
Des Grieux Massimo Giordano
Geronte De Ravoir Stephen Bronk
Edmondo Matthew Peña
Wirt Andrew Harris
Ballettmeister Burkhard Ulrich
Musikant Julia Benzinger
Sergeant Carlton Ford
Lampenanzünder Paul Kaufmann
Schiffskommandant Thomas Lehman
Chöre Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester Orchester der Deutschen Oper Berlin
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„Was habe ich mit Helden und unsterblichen Gestalten zu schaffen? In solcher Umgebung behagt es mir nicht. Ich bin nicht der Musiker der großen Dinge, ich empfinde die kleinen Dinge, und nur sie liebe ich zu behandeln. … So gefiel mir Manon, weil sie ein Mädchen von Herz war und nicht mehr.“ (Giacomo Puccini)

Mit MANON LESCAUT feierte Giacomo Puccini seinen ersten großen Erfolg als Opernkomponist. Wie bei seinen späteren Welterfolgen steht auch hier eine Frauengestalt im Mittelpunkt. Manon, Mimì, Tosca, selbst Minnie, das „Mädchen aus dem Goldenen Westen“, das so selbstbewusst mit Revolver und Gebetbuch umzugehen versteht, und schließlich Liù (TURANDOT) passen in diese Reihe außergewöhnlicher Frauen, deren Zartheit und Verletzbarkeit nur noch von ihrer Entschlossenheit und ihrer unbedingten Hingabe an die Liebe übertroffen werden. Interessant sind sie alle, denn sie sind niemals nur Täterin oder nur Opfer, nicht einmal Cio-Cio-San, die am Ende selbst über ihr Schicksal bestimmt. Sie folgen ihrem Herzen, aber ohne große Gesten und leeres Pathos. Vielleicht ist es diese Geradlinigkeit, die sie für Puccini so reizvoll machte, eine Geradlinigkeit, die seinem Ideal von Einfachheit entsprach. Heldinnen im klassischen Sinne sind sie nicht, die Puccinischen Frauen, und sie sind auch keine Engel.

Die junge hübsche Manon, die ihren Geliebten Des Grieux ohne zu zögern verlässt, um mit dem betuchten, wenngleich ungeliebten Geronte zu leben, verfügt über einen so ausgeprägten Hang zu luxuriöser Zerstreuung, dass sie ihrer Lust am Vergnügen ihr persönliches Glück, am Ende sogar ihr Leben opfert. Denn obwohl sie sich entschließt, zu Des Grieux zurückzukehren, will sie die beruhigende Sicherheit materiellen Wohlstands nicht missen. Hätte sie darauf verzichtet, ihren Schmuck zusammenzupacken, als die Polizei auf Veranlassung Gerontes vor ihrer Tür erschien, wäre sie der Verhaftung und anschließenden Deportierung möglicherweise entgangen.

Abbé Antoine François Prévost, dessen Roman „Geschichte des Chévalier Des Grieux und der Manon Lescaut“ Puccini als Vorlage diente, hatte den ›seltsamen‹ Charakter Manons klar umrissen: „Niemals hing ein junges Mädchen weniger am Gelde als sie, aber sie hatte keinen ruhigen Augenblick bei dem Gedanken, dass sie Not leiden müsse. Was sie brauchte, waren Kurzweil und Zerstreuungen; hätte sie sich ohne Geldausgaben vergnügen können, sie würde nie auch nur einen Sou angerührt haben.“ Mit überraschender Skrupellosigkeit versteht es die junge Frau, ihre Ziele durchzusetzen, aber das mindert ihren Reiz weder für ihre Liebhaber noch für den Komponisten.

Leidenschaftliches Gefühl, starke Kontraste, ein ganz und gar unsentimentaler Blick auf Menschen aus Fleisch und Blut, auf ihre Schwächen, aber auch auf ihr Leiden an Willkür und sozialer Unterdrückung – in seiner Oper gelingt Puccini ein faszinierendes Spektrum an Farben und Stimmungen. Dabei waren seine Ausgangsbedingungen alles andere als ideal, hatte er doch einen Stoff gewählt, der bereits mehrfach zuvor bearbeitet worden war. Er musste sich vor allem an Jules Massenets MANON, 1884 mit großem Erfolg uraufgeführt, messen und war bei der Arbeit mit seinen zahlreichen Librettisten – im Textbuch werden bis zu sieben Autoren genannt – bestrebt, möglichst keine Parallelen zu Massenet erkennbar werden zu lassen. Tatsächlich sind die beiden Werke grundverschieden. Puccini selbst meinte einmal: „Massenets Musik wird eben französisch empfunden sein – Puderquaste und Menuett –, die meine italienisch – Leidenschaft und Verzweiflung.“ Leidenschaft und Verzweiflung, aber auch eine gehörige Portion Realismus haben aus dem Stoff die mitreißende und am Ende erschütternde Geschichte einer eigenwilligen Frau von starker Anziehungskraft gemacht, keiner Heldin, aber eines „Mädchens von Herz“.