Die Trojaner

Les Troyens

Hector Berlioz (1803 – 1869)

Große Oper in fünf Akten (zwei Teilen); Libretto von Hector Berlioz nach Vergil; Uraufführungen: 3., 4.und 5. Akt (LES TROYENS A CARTHAGE) am 4. November 1863 in Paris; 1. und 2. Akt (LA PRISE DE TROIE) am 7. Dezember 1879 in Paris; Erste vollständige Aufführung am 6. und 7. Dezember 1890 in Karlsruhe; Erste Gesamtaufführung als einteilige Oper am 18. Mai 1913 in Stuttgart; Erste vollständige Gesamtaufführung am 3. Mai 1969 in Glasgow; Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 5. Dezember 2010

In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

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„Ich liebe die Alten unabhängig von ihren Vorzügen oder Mängeln, weil sie den Modernen nicht ähneln, weil sie neu sind“, erklärte Hector Berlioz im September 1850 in Le journal des débats. Er ist ein Skeptiker der Gegenwart, schon von Kindheit an fasziniert ihn die antike Geschichte, aus der er seine eigene zeitgenössische Perspektive entwickelt als eine sich immer wiederholende Abfolge von Siegen und Niederlagen.

In seiner Doppeloper DIE TROJANER knüpft er in einem Panorama gigantischer Ausmaße ein Netz individueller Schicksale, findet aber gleichzeitig zu Perspektiven überindividuellen und überzeitlichen Formats. Berlioz zeigt die Schrecken des Krieges, koppelt Erkenntnis und Hilflosigkeit zu einem grausamen Gespann, berichtet von Liebe und Verzicht, von unverschuldeter Schuld und schicksalhafter Bestimmung.

Trojanisches Freudengeschrei eröffnet trügerisch dieses Werk, das sich einer eindeutigen Zuordnung verweigert. Vergeblich warnt Kassandra vor dem „Geschenk der Götter“. Sie sieht die Katastrophe Trojas voraus, die mit dem hölzernen Pferd verbunden ist, kann sie aber nicht verhindern. Der Geist Hectors beauftragt Aeneas, das von den Griechen eingenommene Troja zu verlassen, um in einem fernen Land ein neues Reich zu gründen. Während die Männer unter seiner Führung aus der brennenden Stadt fliehen, begehen die Frauen, angestiftet von Kassandra, Selbstmord.

Dem „Untergang Trojas“ folgt der in die Zukunft verweisende zweite Teil als eine Episode des Übergangs: „Die Trojaner in Karthago“. Die überlebenden männlichen Trojaner landen in Karthago. Dort leisten sie militärische Hilfe. Im Bund mit den Karthagern besiegen sie den angreifenden König Iarbas. Auch auf persönlicher Ebene findet diese Koalition eine Entsprechung: Dido und Aeneas entdecken ihre Liebe. Ihr Glück währt allerdings nur kurz. Die Geister der verstorbenen Trojaner mahnen zum Aufbruch. Aeneas soll seinem Auftrag nachkommen. Als Dido erkennt, dass sie den Geliebten nicht zum Bleiben bewegen kann, besteigt sie den Scheiterhaufen und tötet sich selbst. Bevor sie stirbt, verkündet sie ihre Vision von der Zukunft, die sie als ein ewiges Blutbad zwischen den Karthagern und den Nachkommen des Aeneas beschwört.

Vergil und Shakespeare standen Pate für dieses zwischen 1856 und 1858 entstandene Werk, das sich erratisch den künstlerischen Parametern seiner Zeit verweigert. Der retrospektive Blick will Altes nicht reproduzieren, sondern ihm neue Aspekte abgewinnen, die Erzählungen und Formen der Vergangenheit fruchtbar machen für die Gegenwart. Barock- und Belcanto-Oper haben ihre Spuren hinterlassen, eine Götterhandlung als Gegenwelt zum Kampf der Sterblichen hat Berlioz aber – als nicht zeitgemäß und der Domäne der Barockoper angehörend – aus seiner Behandlung ausgeschlossen. Berlioz bekennt sich zu konservativen musikalischen Werten wie Konsonanz, Melodie und geschlossene Form, verstößt aber gleichzeitig durch ungewöhnliche Rhythmik und Tonalität gegen die Konvention. Obwohl manches an sie denken lässt, entziehen sich die TROJANER der Form der Grand Opéra. Die Musik schreitet kontinuierlich voran, Wiederholungen gibt es – anders als in der Grand Opéra – kaum, und auch damit nimmt Berlioz moderne Kompositionsprinzipien vorweg. DIE TROJANER beharren auf einer Eigenständigkeit, die zwar vielerlei Anregungen aufnimmt, aber gerade in der Auseinandersetzung mit ihnen zu neuen Erkenntnissen und Formen gelangen möchte. Gerade diese Eigenschaften machen sie tauglich für die Gegenwart.

* * *

„Waffentaten und Helden besinge ich, der von Trojas Gestaden als erster landflüchtig durch göttliche Fügung nach Italien und an Laviniums Küste kam. Schwer wurde er heimgesucht zu Land und Meer durch die Macht der Himmlischen und den unversöhnlichen Zorn der wütenden Juno; viel auch erlitt er in Kriegen, bis er seine Städte gründen und seine Götter nach Latium bringen konnte – daher das Latinervolk und die albanischen Ahnen und die hochragenden Mauern von Rom!
Muse, nenn mir die Gründe, wegen welches Frevels oder welcher Kränkung die Königin der Götter einen Mann, ausgezeichnet durch fromme Gesinnung, so viele Schicksalsschläge ertragen und so viel Mühsal bestehen ließ. Ist denn so groß der Groll in Götterherzen?
Es gab eine alte Stadt – tyrische Siedler bewohnten sie –, Karthago, jenseits von Italien und weit entfernt von der Mündung des Tiber gelegen, reich an Schätzen und höchst bedrohlich durch ihre Lust am Kriege. Diese allein soll Juno mehr als alle anderen Orte auf Erden geschätzt und sogar Samos vorgezogen haben. Hier waren ihre Waffen, hier ihr Wagen, und dass diese Stadt über die Völker herrsche, wenn irgend das Schicksal es zulasse, danach trachtete die Göttin unablässig. Allerdings hatte sie vorgenommen, dass ein Geschlecht aus trojanischem Blut hervorgehe, das dereinst die tyrischen Burgen zerstöre. Dann werde ein Volk, das weithin gebiete und im Krieg unbeugsam sei, zum Verderben Libyens erscheinen. So bestimmten es die Parzen.“ (Vergil: Aeneis. Übersetzung von Gerhard Fink)

Mit Unterstützung des Förderkreises der Deutschen Oper Berlin e. V.

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Einführung: 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Rang-Foyer rechts