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Laurent Pelly im Gespräch

Es ist das Vielschichtige, Mehrdeutige der hoffmannschen Gestalten und ihrer Motivationen, das Mysterium der Fantasie, für das sich der französischen Starregisseur Laurent Pelly interessiert. Die Fragen stellte Katharina Duda.

Die Hauptperson in Offenbachs LES CONTES D’HOFFMANN ist der Dichter E.T.A: Hoffmann. Ist die Oper für Sie ein Künstlerdrama?
Die Kunst ist zumindest ein ganz wichtiger Aspekt der Oper. Was mein Team und mich besonders interessiert hat, war die Frage nach Hoffmanns kreativem Prozess – und nach der Kreativität überhaupt. Das betrifft auch die drei Geschichten, die Hoffmann bei Lutter & Wegner zum Besten gibt. Er behauptet, er habe das alles selbst erlebt. Aber wenn man genauer hinsieht, verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion genau wie in den Erzählungen des realen Autors E.T.A. Hoffmann. Da ist z.B. der Gegenspieler Lindorf. In der Rahmenhandlung tritt er zunächst als banaler Bourgeois auf: ein bisschen dumm, eifersüchtig, jemand, der glaubt, Liebe mit Geld kaufen zu können. Im Laufe der Erzählungen wird er dann immer mehr zum Teufel mit magischen, hypnotischen Kräften, wobei man eigentlich nie weiß, was real ist und was Hoffmann bloß erfindet.

Lindorf erscheint in den Erzählungen in drei verschiedenen Gestalten: Coppélius, Dr. Miracle und Dapertutto. Auch Hoffmanns Geliebte Stella hat mehrere Rollen, …
… die drei Frauen seiner Geschichten. Olympia ist Hoffmanns erste Liebe. Er sieht sie entsprechend naiv und merkt nicht, dass er einen singenden Automaten vor sich hat. Die Geschichte um Antonia ist schon sehr viel ernster, reifer, und in der Episode mit Giulietta ist Hoffmann am Ende völlig verzweifelt! Insofern ist es auch nicht unwesentlich, in welcher Reihenfolge die Geschichten erzählt werden. Lange Zeit hat man den Giulietta-Akt vorgezogen. Er gehört aber mit dem Verlust des Spiegelbildes und dem Mord an Giulietta ans Ende von gleich zwei parallelen Entwicklungsgeschichten: die des Dichters Hoffmann, der sich in seiner unglücklichen Liebe verliert, und die der Sängerin Stella. Genau wie Lindorf verteufelt Hoffmann seine Geliebte in seiner Erzählung schrittweise: vom jungen Mädchen wird sie zur Künstlerin und schließlich zur Kurtisane.

Sie erwähnten gerade die Reihenfolge der Akte. Jede Produktion von LES CONTES D’HOFFMANN muss mit der Frage umgehen, wie sie sich zur Entstehungs- und Aufführungsgeschichte des Werkes verhält. Die Oper wurde von Offenbach nicht vollendet, bereits vor der Uraufführung fanden wesentliche Eingriffe in die Werkgestalt statt und das Problem hat sich angesichts der zahlreichen Bearbeitungen, die der Oper seitdem ihren Stempel und z.T. fremdes Material aufgedrückt haben, noch verstärkt. Wie sind Sie mit diesem Problem umgegangen?
In der Tat kann diese Oper, je nachdem, wie man die Weichen stellt, sehr verschieden aussehen. Mein Team und ich wollten eine Fassung rekonstruieren, die dem Original, d. h. dem, was Offenbach vermutlich vorschwebte, so nah wie möglich kommt. Daher haben wir uns für eine echte Opéra-comique-Version, also eine Fassung mit Sprechdialogen, entschieden, die alles lebendiger machen. Inhaltlich geht es zentral um die Figur Hoffmanns. Ganz im Sinne Offenbachs wollten wir etwas darüber erzählen, mit welchen Dämonen er sich herumschlägt, was ihn zum Schreiben, zur Kunst befähigt, wie und warum er erzählt…

Bestimmt Hoffmann alles, was in seinen Geschichten passiert? Oder ist der kreative Prozess, von dem Sie sprachen, komplizierter?
Die wichtigste Figur im Stück, diejenige die alles inszeniert, ist für mich eher die Muse, die Hoffmann in Gestalt des Freundes Nicklausse begleitet. Sie ist es, die jedes Mal die tragischen Situationen und Vorfälle provoziert, die Hoffmann ins Unglück stürzen. Alle drei Frauen sterben ja am Ende „ihrer“ Geschichte, Hoffmann erzählt aus Verzweiflung über seine gescheiterten Hoffnungen. Überhaupt scheint es die Muse nicht unbedingt gut mit ihrem Dichter zu meinen. Für große Kunst muss man leiden.

Und trinken! Die Muse entsteigt in der Oper einem Fass …
Hoffmanns Alkoholismus gehört zu seiner Kreativität. Der Alkohol befördert seinen Schaffensprozess, ruiniert ihn aber auch. Am Ende kann er Traum und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten. Die Muse ist gewissermaßen eine Verkörperung seiner Inspiration. Er hat sie erfunden, aber wann und wo sie auftaucht oder was sie ihm einflüstert, darüber hat er keine Kontrolle.

Gilt das auch für Ihre Arbeit? Ihre Produktion der CONTES war ja bereits in Lyon ein riesiger Erfolg. Gibt es bei einer Neueinstudierung noch Überraschungen?
Jedes Mal, wenn ich mich den CONTES nähere, entdecke ich neue Facetten. Das hat nicht zuletzt mit den Darstellern zu tun. Mit jeder neuen Besetzung lernt man etwas dazu, findet immer neue Bedeutungsebenen. Das ist es, was mich in meiner Arbeit grundsätzlich interessiert: verschiedene Türen zu öffnen, die immer wieder neue Perspektiven freigeben. Die Beschäftigung mit einer Oper wie LES CONTES D‘HOFFMANN ist für mich ein unendlicher Prozess, große Kunstwerke sind unendlich.