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Was mich bewegt

Einfach drüber steigen!

DIE SCHNEEKÖNIGIN handelt von einem Mädchen, das die Ketten der Kälte sprengt. Hanna Plaß singt und spielt die Titelrolle. Grenzen sind zum Überwinden da, findet sie.

Die Schneekönigin
Musiktheater nach Hans Christian Andersen von Samuel Penderbayne; Text von Christian Schönfelder
Inszenierung: Brigitte Dethier
Mit Sophia Körber, Theresa Pilsl, Marlene Gaßner, Alexandra Ionis, Martin Gerke, Jonas Böhm, Hanna Plaß, Louise Leverd, Jone Bolibar Núñez, Jack Adler-McKean, Henriette Zahn, Daniel Eichholz
22. Nov. bis 29. Dez. 2019

Ich habe einen starken, schier unbezwingbaren Willen, gebe immer voll Stoff. Und neulich sagte mir meine chinesische Ärztin: »Tja, Sie können mit diesem Leben auch hundert werden – aber Sie haben nicht gerade die Konstitution eines Holzfällers!« Ich war empört. Aber dann dachte ich: Sie hat wahrscheinlich recht. Mein Wille treibt meinen Körper zu Höchstleistungen. Doch manchmal fühle ich eine derartige Erschöpfung und Ohnmacht. Die Grenzen meiner körperlichen Kräfte zu akzeptieren ist für mich eine Herausforderung.

Ich bin Schauspielerin, aber ich singe auch in Opern und in Bands, ich spiele Klavier, schreibe Lieder. Ich habe schon immer gesungen und gespielt. Ich dachte, dass ich das einfach so machen kann. Auf der Schauspielschule aber habe ich gemerkt, dass ich eigentlich begrenzt bin. Die Lehrer dort haben mir erzählt, dass ich wie ein Pinguin laufe. Moment, dachte ich, ich kann doch laufen, wie ich laufe. Aber die sagten: »Hanna, nein! Du kannst nicht eine Marketingfrau spielen und wie ein Pinguin auf die Bühne platschen. Das glaubt dir kein Mensch.« Also musste ich neu lernen zu gehen, zu sprechen, zu singen. Ich musste Bewusstsein entwickeln für meine eigenen Mittel.

Wer werde ich wohl sein, auf der anderen Seite der Grenze? Jemand anderes? Oder ändert sich nichts – und man macht nur eine Erfahrung? © Paula Winkler – fStop Images
 

Wir leben in aufregenden Zeiten, Klimakollaps, Mikroplastik, Populismus, Nationalismus. Da könnte man denken, es wäre Zeit für radikale, neue Konzepte. Aber in Wirklichkeit wollen wir innerhalb von Rahmen handeln. Die Grenzen von Demokratie und von Menschenrechten etwa wollen wir nicht sprengen. Es ist verlockend, sich eine einfache Welt vorzustellen. Doch die Welt ist kompliziert. Wir können vegan leben und unsere Verpackungen recyclen – aber das sind Handlungen, die nur aus einer begüterten Gesellschaft kommen können. Wir müssen akzeptieren, dass alles viel komplexer ist. Wir brauchen Grenzen, um Dinge zu erfassen.

Unser Körper ist genau dafür gebaut, der Tastsinn braucht physische Oberflächen, um zu begreifen. Grenzen ermöglichen uns, Perspektiven einzunehmen. Ohne sie schweben wir im luftleeren Raum. Unser Geist jedoch kann Grenzen überwinden. Das ist sehr schön – aber auch gefährlich. Ich sehne mich oft danach, auf der Bühne groß zu denken. Und dann bin ich überfordert und weiß nicht, wo ich anfangen soll. In Wirklichkeit kann ich einfach nur einatmen. Und anfangen zu singen oder zu sprechen. Das klingt wie ein kleiner Schritt, aber es ist eine Entscheidung.

In DIE SCHNEEKÖNIGIN spiele und singe ich die Titelrolle. Das Stück selbst sprengt Genregrenzen, es gibt Gesangspassagen, gespielte Szenen, Musiker verkörpern mit ihren Instrumenten Figuren. Man erkennt schon im Libretto die Entscheidungen. Auch ich überwinde eine Grenze mit dem Sprung vom Schauspiel in die Oper. Das ist gesanglich herausfordernd, ich muss etwa im komplizierten Sieben-Achtel-Takt singen und habe Panik, mich total zum Affen zu machen. Auch technisch mache ich neue Erfahrungen: Meine Stimme wird zum Beispiel durch einen Synthesizer geschickt und klingt wie ein Roboter. Kommen da überhaupt Emotionen durch?

Ob das Gras auf der anderen Seite wirklich grüner ist? Ein Zaun ist vor allem eine Verlockung, ihn zu überwinden – je höher, desto größer die Neugier ©  Lily Erlinger, Junophoto – fStop Images
 

Vielleicht kann man das von der Arbeit am Theater lernen: die Freude am Entdeckertum. Wir dürfen spielen! Das Leben ist eine Zauberkiste. Wenn wir den Spaß verlieren, können wir einpacken. Das gilt eigentlich für alles, egal wie ernst die Gedanken sind.

Es mag kitschig klingen, aber man ist kein Idiot, wenn man nicht alles versteht. Wir dürfen uns an der Hand nehmen und sagen: »Komm, erklär mir das!« Ganz ehrlich, vielleicht ist es an der Zeit, jenseits von Grenzen zu denken und zu handeln – das wäre ja auch meiner Konstitution angemessen. Ich höre jetzt viel eher darauf, was mein Körper mir sagt. Man könnte denken, wenn man eine Grenze überschreitet, verändert einen das. Aber es verändert sich nichts. Man macht nur eine Erfahrung. Ich habe schon so viel ausprobiert, und ich bin immer noch Hanna Plaß und ich mag immer noch gern Apfelschorle.