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Erst Übermutter, dann Sexsymbol

15.01.2017

Ihre Weltkarriere begann Clémentine Margaine an der Deutschen Oper Berlin. Jetzt kehrt sie mit zwei großen Rollen zurück: die Fidès in Meyerbeers LE PROPHETE und die Titelpartie in CARMEN

 

Ich liebe Überraschungen!“ Wenn Clémentine Margaine das mit dem Brustton ihres wohlklingenden Mezzos verkündet, dann glaubt man es ihr einfach. Und es gibt auch genügend Gründe, es ihr zu glauben. Denn überraschende Vorkommnisse und Wendungen – vor allem künstlerischer Natur – pflastern förmlich die letzten Jahre im Leben von Clémentine Margaine und haben ihre Karriere rasant beschleunigt. Ensemblemitglied an der Deutschen Oper Berlin? Das war einmal, von 2011 bis 2013. Inzwischen jettet die 34-jährige Französin zwischen Paris und Sydney, Barcelona, Washington und New York um die große weite Welt und eilt von Erfolg zu Erfolg.

 

Die letzte große Überraschung verbindet sich mit New York, dem Debüt der Mezzosopranistin an der Metropolitan Opera im Februar 2017. „Ein wirklich verrücktes Debüt“, erinnert sich die Sängerin. Eigentlich war sie erst für die zweite Vorstellungsserie eingeplant – immerhin mit Carmen, ihrer Vorzeigepartie, die für Clémentine Margaine längst die wichtigste Eintrittskarte zu vielen großen Opernbühnen geworden ist. Nur zwei Tage vor der Premiere kam plötzlich die Anfrage der Met-Intendanz, ob sie für die erkrankte Kollegin der ersten Serie einspringen könne?! „Noch nicht mal eine Kostümanprobe hatte ich gehabt“, beschreibt die Sängerin die delikate Situation. „Und mehr als eine Probe war auch nicht mehr drin.“

 

Clémentine Margaine als Carmen, Roberto Alagna als Don José
Carmen © Bettina Stöß
 

 

Doch die Sängerin sprang ein, sang – und siegte: „Auf der Bühne hatte ich überhaupt keine Angst, ich war einfach nur glücklich, da singen zu dürfen!“ Insgesamt zehn erfolgreiche CARMEN-Vorstellungen an dem traditionsreichen Haus mit seinen 3800 Plätzen standen am Ende zu Buche – mit drei verschiedenen Tenören als Don José. Und im Nachhinein zieht die Sängerin ein rundum positives Fazit: „Ich hätte mir keinen besseren Einstieg wünschen können. Denn wenn man eigentlich gar nicht vom Publikum erwartet wird, ist die Überraschung am größten!“ Die Wiedereinladung an die Met war damit eigentlich nur noch Formsache; in zwei Jahren steht sie dort wieder auf der Bühne. Natürlich als Carmen. Über diese nach Leben, Liebe und Freiheit dürstende Frau, Dreh- und Angelpunkt für Georges Bizets Oper von 1875, könnte man mit Clémentine Margaine stundenlang diskutieren. Man merkt, welchen Spaß es ihr macht, sich für diese Rolle auf der Bühne ins Zeug zu legen, zu singen, zu spielen und zu tanzen. Mittlerweile hat sie die Carmen in den unterschiedlichsten Inszenierungen gesungen; die Carmen-Debüts in London und Wien stehen noch an. An der New York Met war es – wen wundert’s – eine durch und durch traditionelle Produktion des Briten Sir Richard Eyre, sehr spektakulär und mit spanischen Flamenco-Tänzern. Einigermaßen „strange“ empfand die Sängerin die Inszenierung des Italo-Schweizer Multi-Künstlers Daniele Finzi Pasca am ehrwürdigen Teatro San Carlo in Neapel: „Sich nicht anfassen dürfen, nicht tanzen – das war schon sehr merkwürdig.“

 

Und noch eine andere Lesart bot der Spanier Calixto Bieito, in dessen Inszenierung die Mezzosopranistin gleich nach ihrem New Yorker Debüt beim „Heimspiel“ an der Pariser Opéra de la Bastille einen riesigen Erfolg einheimste. Auch hier kein Tanz, kein folkloristisches Sevilla, sondern Spanien zur Zeit des Franco-Regimes. Dafür alles sehr körperlich, sehr erotisch. Erwartungsgemäß gespalten waren die Reaktionen. Viele waren geschockt, die Zeitung „Le Monde“ titelte, Carmen sei in der Vulgarität versunken. Clémentine Margaine dagegen, wie auch ihr zahlreich erschienener Anhang aus Freunden und Familie, war sehr angetan: „Natürlich haben viele Besucher andere Erinnerungen an CARMEN, aber ich fand es richtig gut.“ Und wenn dann ein Tänzer, Symbol für den verletzlichen Torero, auf der Bühne komplett ausgezogen wird? Clémentine sieht es locker: „Mich hat das nicht gestört!“ Gestört hat das anscheinend auch nicht das Publikum der öffentlichen Generalprobe, alles junge Leute unter 28. „Da war eine unglaubliche Energie im Saal“, staunt die Sängerin noch immer, „so etwas müsste man jeden Abend haben.“ Hinterher gab es lautstarke Pfiffe – der Begeisterung. Und auch die französische Opern- Website Ôlyrix lobte Clémentines Leistung: „Ihre Carmen ist so düster wie die abgedunkelten Vokale und so generös wie ihre Stimme und ihr dramatisches Vibrato.“

 

Clémentine Margaine als Marguerite
Fausts Verdammnis © Bettina Stöß
 

 

Und wie sieht sie selbst die Carmen? Die Sängerin hat es sich angewöhnt, dem Publikum immer eine Mischung anzubieten: aus ihren eigenen Vorstellungen, die sich im Laufe der Zeit wie ein Puzzlespiel zusammengesetzt haben, und den Vorgaben der jeweiligen Produktion. „Carmen ist eine sehr komplexe Figur. Oft sagt sie etwas anderes, als sie denkt, nicht nur am Ende.“ Denn natürlich liebe sie Don José, obwohl sie das Gegenteil behauptet: „Und das muss man dem Publikum auch deutlich machen!“ Gleichzeitig sei Carmen zerbrechlich, verspielt – und auf ihre Unabhängigkeit fixiert. Sängerisch ist die Rolle eher in der Mitte der Herausforderungsskala angesiedelt, dafür muss man physisch als Darstellerin sehr viel geben: „Von ihr geht die ganze Energie aus, sie ist immer im Dialog mit Don José, ihren Freundinnen oder dem Chor.“ Markieren kommt da für die Sängerin auch in der Probe nicht in Frage. Und in der Aufführung kommt es immer auf den jeweiligen Don José an: „Ist der Tenor vom Typ eher ein Macho, muss ich natürlich dagegen halten.“

 

In dieser Saison nun steht Clémentine Margaine auch an der Deutschen Oper Berlin wieder als Carmen auf der Bühne. Allerdings nicht mehr in der uralten Beauvais-Inszenierung, die zwischenzeitlich von Søren Schumacher aufpoliert wurde, sondern in einer völlig neuen Produktion, die am 20. Januar 2018 Premiere feiern wird. Regisseur ist der Norweger Ole Anders Tandberg, der am Hause schon die erfolgreiche Schostakowitsch-Inszenierung der LADY MACBETH VON MZENSK zu verantworten hatte. Davon hat die Sängerin nur Gutes gehört, insofern ist sie völlig entspannt. Darüber hinaus hat sie jedoch noch keinerlei Ahnung, was sie diesmal bei CARMEN erwartet. Aber sie liebt ja auch die Überraschungen … Ansonsten vertraut die Sängerin einfach dem Team der Bismarckstraße, das ihr in den letzten Jahren mit vielen großen Rollen die Chance gegeben hat, sich auszuprobieren und weiterzuentwickeln, so mit der Dalilah in der Oper von Camille Saint-Saëns, mit der Marguerite in Berlioz’ LA DAMNATION DE FAUST oder der Maddalena in Verdis RIGOLETTO. „Das hier ist mein Haus“, macht die Sängerin der Deutschen Oper ein charmantes Kompliment. Auch wenn sie nur zwei Spielzeiten im Ensemble war: „Vom Ensemble und dem Chor bis zum Orchester, man kennt hier so viele Leute, man ist hier so vertraut miteinander, dass man bei den Aufführungen das Gefühl hat, als ob man Kammermusik machen würde.“

 

Aleksandrs Antonenko als Samson, Clémentine Margaine als Dalila
Samson und Dalila © Bettina Stöß
 
 

 

Meyerbeers Fidès ist eine der schwersten Partien der gesamten Operngeschichte

 

 

Nun steht – neben der Carmen – noch eine weitere Premiere ins Haus, eine wirkliche Monsterpartie, eine Herausforderung par excellence: die Fidès in Giacomo Meyerbeers Oper LE PROPHETE, Abschluss des Meyerbeer-Zyklus an der Deutschen Oper, in dem bereits VASCO DA GAMA und DIE HUGENOTTEN auf die Bühne gebracht wurden. Oder besser: gestemmt – denn Meyerbeers Grands Opéras sind wahre Theatermonster, lang, aufwändig und sängerisch enorm schwer zu besetzen. Clémentine Margaine hat beherzt zugegriffen, als ihr die Fidès angeboten wurde, obwohl diese Partie von ihrer großen Kollegin Marilyn Horne einst als „das schwerste, was ich je gesungen habe“ eingeschätzt wurde. Warum ist die Fidès so schwer? „Weil alles drin ist“, erwidert die Französin lakonisch, „Koloraturen, hohe Noten, tiefe Noten, großes Legato und sogar Kadenzen. Einfach alles!“ Und das dann noch über fünf Stunden, das sei die größte Herausforderung; denn die schwierigsten Momente mit dem hohen C [für eine Mezzosopranistin!] kommen erst ziemlich am Ende. Trotzdem macht die Sängerin nicht den Eindruck, als könnte ihr diese Rolle wirklich Angst einflößen. Für die Bewältigung der vielen Schwierigkeiten – die ja auch eine „Kopfsache“ ist – hat Clémentine Margaine ein interessantes Rezept parat: „Weil die schwersten Teile am Ende kommen, muss man die Rolle auch von hinten lernen. Dann ist die Stimme am frischesten – und das prägt sich ins Gedächtnis ein.“

 

Clémentine Margaine als Fidès
Le Prophète © Bettina Stöß
 

 

Summa summarum: Was die Rolle fordert, ist „Belcanto auf französisch“. Wobei das mit Belcanto so eine Sache ist: „Ich bin nicht als Belcanto-Sängerin auf die Welt gekommen“, weiß die Sängerin, deren Markenzeichen ein üppiger Mezzosopran mit dem oben beschriebenen „dramatischen Vibrato“ ist. Doch dass da Potenzial für mehr schlummerte, wurde im letzten Sommer eher per Zufall – Überraschung, Überraschung! – offenbar. Die Sängerin war gerade in Australien unterwegs, als die Salzburger Festspiele anfragten, ob sie innerhalb von zwei Wochen als Rebecca in Otto Nicolais erst in letzter Zeit wieder ausgegrabener italienischer Oper IL TEMPLARIO, komponiert im Stile eines Donizetti, einspringen könne.

 

„Ich habe natürlich zugesagt, ohne dass ich so genau wusste, was mich da erwartete“, erzählt die Sängerin freimütig. Was dann kam, war ziemlich viel Belcanto, ziemlich viele hohe Noten – und ein dürftiger Orchesterpart, hinter dem man sich nicht verstecken kann. Clémentine Margaine paukte die Rolle in Australien, sang mit großem Erfolg an der Seite von Juán Diego Flórez die beiden konzertanten Aufführungen im Großen Festspielhaus. Und durfte am Ende beruhigt konstatieren: Ich kann auch Belcanto! Wer nun meint, die Sängerin sei, neben ihren bewährten Partien, mit der Vorbereitung dieser Meyerbeer-Rolle gut ausgelastet, irrt sich gewaltig.

 

Es scheint, als ließe sich Clémentine Margaine derzeit von einem schier unerschöpflichen Strom an Energie und Neugier von einer Herausforderung zur nächsten treiben. Jede Menge weitere Debüts stehen an: Ihre kurze sommerliche „Urlaubszeit“ im heimatlichen Südfrankreich hat sie dazu genutzt, um sich auf Donizettis LA FAVORITE in Marseille [ebenfalls Belcanto auf französisch] und auf Ravels raffiniert- sinnlichen Einakter L’HEURE ESPAGNOLE an der Pariser Bastille-Oper vorzubereiten. Und noch eine weitere Premiere vom Kaliber der Fidès wartet auf sie: ihre erste Amneris in Sydney. Diesmal fehlt allerdings der Überraschungsmoment für die Sängerin: „Diese Rolle hatte ich aus Neugier schon vorher studiert – einfach mal drauflos singen und dann sehen, wie es sich anfühlt.“ Es fühlte sich anscheinend gut an, mit den vielen tiefen und nicht allzu viel hohen Tönen: „Natürlich weiß man das erst wirklich, wenn man es das erste Mal mit Orchester gemacht hat, aber der Instinkt sagt einem schon vorher, ob es passt.“ Und was sagt ihr Instinkt zu den großen Wagner-Partien? Da hat sie wohl eher den Verstand eingeschaltet, der Clémentine Margaine sagt, damit noch etwas zu warten, um nicht sofort in die Wagner-Schublade einsortiert zu werden. Mit der Brangäne, die sie bereits konzertant gesungen hat, ist immerhin schon mal ein Anfang gemacht.

 

Aus den Proben zu Carmen © Marcus Lieberenz
 
 

 

Ganz allein auf ihr enormes stimmliches Potenzial und ihren Instinkt verlässt sich die Sängerin dann doch auch wieder nicht. Fit muss auch der Körper sein, aber statt ihre Muskeln im Studio zu trainieren, joggt die Französin lieber: „ Meine Sneakers habe ich immer dabei.“ Oder sie verbindet das Nützliche mit dem Angenehmen – beim Flamenco-Tanzen. In Südfrankreich aufgewachsen, hat die Sängerin schon immer ein Faible für den Flamenco gehabt, den sie als Kind in Barcelona kennen und lieben lernte. Und sollte sie irgendwo auf ihren vielen Gastspielen auf eine Flamencotruppe treffen, dann nimmt sie sofort ein paar Stunden oder schmuggelt sich in das Aufwärmtraining der Tänzer hinein. Zuletzt war das an der Met in New York der Fall. Und solange Clémentine Margaine noch Carmen singt, dürfte es für sie wohl nicht schwierig sein, diesem Hobby weiterhin nach Lust und Laune zu frönen.

 

Ein Essay von Michael Horst / Michael Horst arbeitet als Musikjournalist und Autor für Radio und Printmedien in Berlin. 2012 erschien in der Reihe „Opernführer kompakt“ des Henschel-Verlags, Leipzig, sein Band über Puccinis TOSCA; im März 2015 folgte in derselben Reihe ein Band über Puccinis TURANDOT.

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