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07. Dez

Was mich bewegt

Sollen die denn immer leiden?

Offenbachs LES CONTES D’HOFFMANN und Puccinis LA BOHEME gelten als Inbegriffe der Künstleroper. Doch was sagen die Stücke über die Entstehung von Kunst?

La bohème
Oper in vier Bildern von Giacomo Puccini
Dirigent: Giacomo Sagripanti / Daniel Carter 
Inszenierung: Götz Friedrich
Mit u. a. Attilio Glaser / Andrei Danilov, Philipp Jekal , Thomas Lehman / Noel Bouley, Tobias Kehrer, Mariangela Sicilia / Ekaterina Siurina, Elena Tsallagova / Alexandra Hutton
13., 19., 20., 23., 26. Oktober 2019

Les Contes d'Hoffmann
Opéra fantastique in fünf Akten von Jacques Offenbach
Dirigent: Daniel Carter 
Inszenierung: Laurent Pelly
Mit u. a. Marc Laho, Heather Engebretson, Byung Gil Kim
24., 30. Oktober; 8. November 2019

Am Anfang steht der Frust. Das großformatige Bild über den Zug der Israeliten durchs Rote Meer will dem Maler Marcello einfach nicht gelingen. Und das lässt uns der entnervte Künstler zu Beginn von LA BOHEME in aller Deutlichkeit wissen. Auch die ausufernden Dramen des Schriftstellers Rodolfo, mit dem Marcello sein Atelier teilt, taugen nur als Brennmaterial für den gemeinsamen Kanonenofen – Erfolg und Kreativität sehen anders aus. Es sind also ziemliche Versager, die uns Giacomo Puccini in seiner Oper präsentiert. Möchtegernkünstler, deren Hauptbegabung darin zu bestehen scheint, sich irgendwie durchs Leben zu schlagen. Bis zum Ende der Opernhandlung – immerhin ein halbes Jahr nach der Anfangsszene – werden sie keine nennenswerte künstlerische Entwicklung durchgemacht haben.

Tatsächlich ist Puccinis 1896 uraufgeführtes Meisterwerk ein gutes Beispiel dafür, wie der verklärende Blick ganzer Generationen von Opernbesuchern den ursprünglichen Charakter eines Werks verfälschen kann. Schon die Vorlage Puccinis hatte nichts mit Nostalgie zu tun; vielmehr schilderte Henri Murgers Episodenroman »Scènes de la vie de bohème« den harten Überlebenskampf junger Menschen im Paris der 1840er Jahre, mit oft schockierender Direktheit. Und auch Puccini dürfte gewusst haben, dass unbeheizte Dachkammern nur begrenzt romantisch sind, selbst wenn sie auf dem Montmartre liegen. Was LA BOHEME jedoch komplett demontiert, ist das Bild vom sorglosen Künstler, der in den Tag hinein lebt – und aus seinem selbstgewählten Außenseitertum Distanz zur braven bürgerlichen Gesellschaft gewinnt und daraus große Kunstwerke schafft.

Eine Idee, die noch heute in den Köpfen herumspukt. Auch im 21. Jahrhundert bietet sie Grundlage für immer neue Legenden: Künstler müssen eben exzessiv leben, damit sie Meisterwerke schaffen können – so wie Malerfürst Jörg Immendorff mit seinen legendären Koks-Partys. Und sie sollten am besten früh im Drogenrausch sterben, damit ihr Andenken weiterlebt – so wie Jim Morrison, Kurt Cobain oder Amy Winehouse.

Das Urbild dieses Ideals auf der Bühne hatte übrigens erst wenige Jahre vor der Uraufführung der BOHEME das Licht der Opernwelt erblickt: Der Titelheld von Jacques Offenbachs LES CONTES D’HOFFMANN ist der Prototyp des Künstlers, der seine Inspiration im Rausch sucht – und findet. Selbst wenn sich am Ende der Oper zeigt, dass der Dichter Hoffmann in seinem Beziehungsleben nur Murks gebaut hat und diejenigen, die ihm eben noch begierig zugehört hatten, ihn nun in der Gosse liegen lassen, so bleibt ihm doch die Muse. Und die erklärt Hoffmann, dass Unannehmlichkeiten leider zum Dasein großer Künstler gehören. Genau gegen solche Idealisierung geht Puccinis LA BOHEME an. Sie präsentiert uns jede Menge Künstler, die ihre Außenseiterstellung zelebrieren. Doch weiter bringen sie eben nichts zustande! Der Dichter Rodolfo beispielsweise entschuldigt sich im ersten Akt mit einem achselzuckenden »Ich bin nicht in Stimmung«, weil ihm für einen fälligen Artikel absolut nichts einfällt und lässt sich lieber von seiner Nachbarin Mimì ablenken. Doch Puccini zeigt uns auch, weshalb die halbherzigen Kunstbemühungen seiner Bohémiens fruchtlos bleiben müssen: Gerade das oberflächliche In-den-Tag-Hineinleben führt in LA BOHEME dazu, dass die Künstler sich um die existenziellen Erfahrungen und Reflexionen drücken, die zu Kunst werden könnten. Das langsame Sterben Mimìs, das die ganze Oper als ein Memento Mori durchzieht, wird von Rodolfo und seinen Freuden hartnäckig ignoriert. Oder mit einer vagen Hoffnung auf Besserung zugedeckt. Nur ganz am Ende, am Totenbett Mimìs, klingt in Rodolfos durchdringendem Schrei die Möglichkeit auf, dass hier jemand etwas begriffen hat. Und dass genau aus dieser Erfahrung sogar Kunst werden könnte.