Willkommen

Dies ist Ihr persönlicher Bereich des Projekts „Meine Oper“. Hier aktualisieren Sie Ihre persönlichen Daten, Ihre Profileinstellungen, Ihr Passwort und/oder melden Sie sich ab.

Ihre Anwendungen im Administrations-/Redaktionsbereich

Was mich bewegt

Wir Schlafwandelnden

In stürmischen Zeiten sehnen sich viele Menschen nach der Vergangenheit. Andere retten sich in Traumwelten. Bellinis vermeintlich naive Oper LA SONNAMBULA ist uns näher, als wir denken, findet Lars Gebhardt

La Sonnambula
Melodramma von Vincenzo Bellini
Musikalische Leitung: Stephan Zilias
Regie und Dramaturgie: Jossi Wieler, Sergio Morabito
Bühne: Anna Viebrock
Mit Venera Gimadieva, Jesús León, Ante Jerkunica, Helene Schneiderman, Alexandra Hutton u. a.
Premiere am 26. Januar 2019

Denkt man an Vincenzo Bellini, so fällt einem zunächst seine bekannteste Oper NORMA ein. Doch LA SONNAMBULA steht NORMA in nichts nach: Mit ihrer semi-seria Oper mit gutem Ausgang gelang Bellini und seinem Librettisten Felice Romani ein psychologisch äußerst modern ausgeleuchtetes Portrait der Titelfigur: Amina ist verlobt, hat gar schon den Ehevertrag unterschrieben, ist aber noch nicht mit ihrem Elvino vor den Altar getreten. Aus einfachen Verhältnissen kommend, wird sie den reichsten Bauern im Dorf heiraten. Als sie des Nachts im Schlafzimmer des inkognito heimgekehrten Grafen Rodolfo aufwacht, zerbricht die trügerische Idylle in den Schweizer Alpen: Elvino löst die Verlobung und kehrt zurück zu seiner verflossenen Geliebten Lisa. Erst als Amina, in schwindelerregender Höhe und dem Tode nah, der versammelten Dorfgemeinschaft wie ein Geist erscheint, wird ihre Unschuld offenbar: Schlafwandelnd ist sie nicht Herrin ihrer Sinne – das romantisch entrückte Setting in einem abgelegenen Bergdorf in den Schweizer Alpen entspricht dem Geist der Zeit …

200 Jahre zurück – Herbst 1818: Beim Aachener Kongress beraten die Monarchen aus Russland, Österreich, Preußen, Frankreich und Großbritannien, wie man die revolutionär-demokratischen Entwicklungen in Europa bekämpfen kann. In den Folgejahren versuchen sie mit zahlreichen Erlässen die Ideale der Französischen Revolution zu ersticken, das Ancien Régime bäumt sich ein letztes Mal auf.
In diesem Raum der Unentschiedenheit zwischen einem Gestern, das noch nicht ganz vorbei ist, und einem Morgen, das erst aufgehen muss, in dieser Dämmerung der Zeitenwende, ziehen sich die Bürger ins Private zurück. Frustriert von der Restauration musizieren und parlieren sie in den Salons, gründen Vereine, treiben Sport und lesen. Und es wird viel gelesen: Die Zahl der Analphabeten geht zu Beginn des 19. Jahrhunderts stark zurück, parallel dazu steigt die Zahl der Neupublikationen an. Man liest nun nicht mehr ein Buch viele Male, sondern viele Bücher einmal.

Die romantische Leserin träumt sich in Hasenclevers „Die Sentimentale“ aus dem bürgerlichen Salon in ferne Welten
 

Aus dem bürgerlichen Wohnzimmer bricht man auf in fremde Welten. Die Literaten der Romantik lieben das Opake, das Uneindeutige; und diesen Nebel füllen sie mit Historischem und Fantastischem aus, die sie munter vermischen. Gruselgeschichten voller Geistererscheinungen wehen von den britischen Inseln nach Europa, Maschinenmenschen und Androiden verunsichern die Fantasie, angebliche mittelalterliche Nationalepen wie der schottische Ossian-Mythos verbreiten sich.

Überhaupt liebt man das Mittelalter mit seinen Burgen, Wäldern, umherziehenden Rittern und der hehren Minne. Auch die Opernkomponisten in Italien suchen mit ihren Librettisten nach ungewöhnlichen neuen Stoffen – und finden sie im gallischen Wald (NORMA), im schottischen Hochland (LUCIA DI LAMMERMOOR) oder in den Schweizer Bergen (LA SONNAMBULA). Der Eskapismus macht bei den Figuren und Schauplätzen nicht halt. Angesichts privater und politischer Widrigkeiten flüchten sich die Opernfiguren in andere Geisteszustände: Es wimmelt von Geistern, Untoten, Wahnsinnigen und Somnambulen. In Vincenzo Bellinis LA SONNAMBULA verunsichert ein Gespenst die Einwohner im Schweizer Bergdorf: „Ciascun la vide: è verità! / Jeder sah es: Es ist wahr!“ Erst später wird sich herausstellen, dass es die junge Amina ist, die nachts durch das Bergdorf irrt – verlobt, aber noch nicht verheiratet , bricht sich hier ihre emotionale Unsicherheit Bahn.

Zwischen Wachen und Schlafen, zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Kontrolle und Unterbewusstem sublimiert Amina ihre Ängste: Als sie im Bett eines fremden Mannes aufwacht, wird die Verlobung aufgelöst – sie ist entehrt und verstoßen. Als „kleine Schwestern“ der opernromantischen Wahnsinnsszenen einer Lucia oder Imogene in IL PIRATA sind Aminas Schlafwandelszenen musikalisch zurückgenommener. Nicht die große Wahnsinnsemphase mit Koloraturgewitter und Spitzentönen bestimmt die musikalische Faktur, sondern eine verinnerlichte Fragilität, die die ganze Verunsicherung der jungen Frau ausmalt. Sparsam setzt Bellini virtuose Verzierungen ein, er gibt der träumend-wachen Amina dafür einige seiner schönsten „melodie lunghe, lunghe, lunghe“. Wenn sie am Ende der Oper erwacht und plötzlich wieder zur Braut geworden ist, schlägt die Musik in das „Viva Amina!“ des Anfangs um – im Schlaf hat sich die Welt um sie herum verändert: „Non mi svegliate voi! / Weckt mich nicht auf!“ ruft Amina aus. Gerade war sie noch angeklagt und ausgestoßen, plötzlich hat sie den ersehnten Ring am Finger – dem überschwänglichen Happy End bleibt ein bitterer Beigeschmack.

200 Jahre vor – Herbst 2018: Gelesen wird heute weniger, dafür wird in Serien, Kino und in Social Media virtuell erlebt, geträumt und gereist. In der romantisch-biedermeierlichen Weltflucht können wir uns wiedererkennen – gerade Aminas Schlafwandeln, das sanfte Heraus- und Wegtreten aus realen Problemen, lässt sich parabelhaft für unsere Zeit lesen. Jetzt darf jeder selbst entscheiden, ob er träumen oder lieber aufwachen möchte …