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Fragen des Lebens

Das Herbstferienprojekt mit geflüchteten und Berliner Jugendlichen lädt ein zu Begegnung und Kommunikation

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Auf einen Blick: Im Projekt WAS ICH SCHON IMMER SAGEN WOLLTE kommen etwa 20 Jugendliche, die erst seit kurzem, bereits länger oder schon immer in Berlin leben, in den Herbstferien 2016 zusammen. Unter der Leitung von Regisseurin Bernarda Horres begegnen sie sich zehn Tage lang in der Tischlerei. Sie erzählen sich voneinander, sie diskutieren, spielen und kochen zusammen. Es ist ein Theaterexperiment über den Alltag und seine Rituale. An drei Abenden steht die Tischlerei für das Publikum offen: Die Zuschauer werden dann zu Mitspielern, wenn sie sich mitten im Geschehen eines gemeinsamen Abendessens, eines Spieleabends und einer Übernachtung in der Tischlerei befinden. Tamara Schmidt, Leiterin der Jungen Deutschen Oper sprach mit Bernarda Horres und den Jugendlichen Hanna Müller und Cabdiqaadir Muuse über Erwartungen an dieses Projekt und darüber, was sie schon immer sagen wollten.

Schmidt: Was habt ihr in dem Projekt „Was ich schon immer sagen wollte“ vor?

Horres: Wir wollen erforschen, worüber wir uns verständigen. Dabei spielt Sprache eine wichtige Rolle. Bei dem Vorgängerprojekt NEULAND, bei dem Geflüchtete und Berliner Jugendliche in der Tischlerei einen eigenen Staat mit eigenen Regeln und der Sprache „Blabla Blomagal“ entwickelt haben, habe ich als Zuschauerin deutlich gespürt, wie essentiell Sprache für ein Gemeinschaftsgefühl und Ausgrenzung ist. Wenn ich die Sprache der Gruppe nicht spreche, gehöre ich nicht dazu. Umgekehrt ist es genauso: Wenn ich dich nicht verstehe, habe ich Angst vor dir. Wir gehen im Herbstferienprojekt einen Schritt weiter: Mich interessieren die Schnittstellen, an denen man sich in der Verständigung trifft.

Müller: Manchmal fühle ich mich fremd in dieser Welt oder nicht zugehörig zu meiner Generation. Zum Beispiel, wenn ich mich mit Leuten auseinandersetze, denen im Leben ganz andere Dinge grundsätzlich wichtig sind. Das hängt mit Erfahrung und Alter zusammen, aber auch mit Sättigung. Das sehe ich zum Beispiel bei meinem Vater und mir. Wenn ich denke „Da muss man doch etwas ändern. Sofort! Los, raus! Revolution!“, denkt mein Vater „Ach ja, ist doch eigentlich ganz okay, so, wie es ist“. Ich empfinde mich als stark, woraus eine große Kraft oder Wut entstehen kann. Man muss gar nicht so weit gehen, um fremd zu sein. Das kann in der eigenen Familie sein.

Muuse: Ich denke, dass es nicht nur mit dem Alter zu tun hat. Man kann sich auch nicht zugehörig fühlen, wenn man die Sprache, die einen umgibt, nicht versteht. Als ich neu in Deutschland war, hatte ich in der U-Bahn ein unangenehmes Gefühl, wenn mir Leute gegenüber saßen und sprachen, vor allem wenn sie dann noch gelacht und zu mir geschaut haben. Ich wusste nicht, worüber sie redeten. Vielleicht über mich? Ich war nicht in der Lage zu reagieren. Jetzt verstehe ich deutsch, und ich weiß nach ein paar Sätzen, über was sie reden, oder ich kann reagieren, wenn sie tatsächlich über mich sprechen. Sprache ist ein wesentlicher Bestandteil von Zugehörigkeit.

Schmidt: Bernarda, wie wirst du praktisch vorgehen? Was erwartet die Teilnehmer, was die Zuschauer?

Horres: Ich will theatral untersuchen, welchen Ablauf Rituale haben, in denen Begegnungen stattfinden. Beispielsweise „Gemeinsames Essen“ – im Sinne von Brot, Speisung, Geselligkeit, Tischritualen. Das nächste Thema ist „Spiel“, das dritte wäre „Schlafen“: Rituale der Nacht, Rituale des Abends, Einschlafen, Aufstehen, aber auch Sterben. Dabei könnt ihr Teilnehmer euch äußern. In welcher Form, das werden wir mit euch gemeinsam entwickeln. Vielleicht sind es Fragen an das Publikum, die ihr euch sonst nicht trauen würdet, auszusprechen! Alles ist immer eingebettet in die konkrete Situation des Essens, des Schlafens oder des Spielens.

Müller: Stelle ich die Fragen als Privatperson Hanna oder als Figur auf der Bühne?

Horres: Das kommt darauf an. „Was ich schon immer sagen wollte“ kann sich auf Verschiedenes beziehen. Es kann sein, dass du einen Brief an deine Mutter schreibst und eine andere Person ihn vorliest. Damit hast du etwas entäußert, was du schon immer wolltest. Oder du gibst dem Zuschauer, der mit dir isst, ein Stück von deinem Brot ab und dafür zieht er eine Frage aus einem Kästchen, die er dann vorliest. Eine Art Tausch. Er ist eingeladen. Er darf kostenlos essen. Dafür schenkt er dir eine Antwort auf deine Frage.

Muuse: Das Thema „Gemeinsam Essen“ interessiert mich besonders. Bei euch hier gibt es zum Frühstück verschiedene Getränke und Brot mit Wurst oder Nutella. Bei uns in Somalia gibt es nur ein Brot, das man nur morgens machen kann, das Laxoox. Der Teig muss die ganze Nacht über aufgehen. Morgens kann man ihn auf einem heißen Stein oder in einer Pfanne zubereiten. Man isst Laxoox mit Butter und mit Tee. Überall frühstückt man das, niemand isst etwas anderes, egal ob reich oder arm. Und auch zu keiner anderen Tageszeit. Denn dieses Brot enthält einen Stoff, der bis zum Mittag wachhält. Das hat für mich bis zum Mittagessen in der Schule gereicht. Bei mir zu Hause essen oft viele Leute zusammen. Hier in Deutschland beobachte ich, dass man oft alleine oder in kleinem Kreis isst, man dafür aber eine große Auswahl an Speisen auf dem Tisch hat.

Schmidt: Das Proben- und Aufführungsformat leiten wir aus dem Inhalt ab: An jeweils drei Tagen forschen wir mit den Jugendlichen zu einem der drei Settings und formulieren Fragen. Am jeweils dritten Tag öffnen wir unseren theatralen Versuchsraum und erweitern ihn um Gäste, mit denen wir in realen, teilinszenierten Situationen über die Fragen in Austausch treten. Hanna, warum nimmst du an dem Projekt teil?

Müller: Man kann so viel ausprobieren und bewirken. Beispielsweise saßen wir nach einer NEULAND-Vorstellung in der Kantine. An vielen Tischen haben sich Zuschauer über das, was sie erlebt haben, ausgetauscht. Wir haben uns an einen Tisch dazugesetzt. Am Ende sagte Einer „Ich habe mich noch nie so lange über eine Oper unterhalten“. Das hat mich sehr stolz gemacht, weil ich dachte: Super, genau das wollten wir erreichen – Denkanstöße geben und mit einem Projekt sich selbst und andere zum Nachdenken anregen. Und ich freue mich auf die Gruppe und die Begegnungen. Einige von NEULAND waren allein nach Deutschland gekommen. Sie sind in meinem Alter oder jünger und ihre Familie ist zurückgeblieben. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste heute, ganz alleine irgendwo hingehen, total weit weg, ohne meine Eltern! Das ist für mich unbegreiflich. Wenn man einen Artikel liest, denkt man „Scheiße, das müsste man eigentlich ändern“. Und dann legt man den Artikel weg. Wenn ich aber diesem Menschen gegenüberstehe, dann kann ich ihn ja nicht weglegen oder mich einfach umdrehen und gehen. Und gleichzeitig habe ich total viel verstanden: Ich dachte bis dahin, man findet immer einen Konsens, man muss nur aufeinander zugehen. Aber ich habe gemerkt, dass es Dinge gibt, mit denen ich nicht leben kann und will. Ich finde es zwar wichtig, den Kontakt zwischen unterschiedlichen Kulturen zu fördern, aber man darf nicht versuchen, sie gleichzustellen.

Schmidt: Was wolltet ihr schon immer sagen? Was sind eure Fragen?

Muuse: Bei mir zu Hause kommt oft abends unerwartet Besuch. Ich habe schnell nach meiner Ankunft gemerkt, dass man das in Deutschland eher nicht macht. My home is my castle. Daher wäre meine Frage: „Wie würdest du reagieren, wenn ich einfach abends vorbeikommen würde, mit dir essen und bei dir übernachten würde?“ Wenn sich manche Deutsche viele Gedanken darüber machen, was Geflüchtete Schlimmes auf der Flucht erlebt haben, dann denke ich manchmal: Das ist doch die Entscheidung jedes Einzelnen. Vielleicht bin ich auch einfach zu nüchtern. Daher frage ich: „Warum sorgt ihr euch so sehr um uns?“

Müller: Meine Fragen wären: „Ich finde mich gut. Findest du dich gut?“ und „Findest du, dass Selbstverliebtheit etwas Schlechtes ist?“ und „Wie viel Körperlichkeit verträgst du?“. Meine letzte Frage rührt aus einem Erlebnis bei NEULAND: Ich habe mich vor den Proben manchmal gefragt, ob ich mir in der Tischlerei schnell die Sporthose anziehe oder ob ich extra in die Damen-Garderobe im zweiten Stock laufe und dort die Hose wechsle. In unserer Schulturnhalle hätte ich es gemacht. Bei NEULAND habe ich mich aber gefragt, wie weit es für die arabischen Jungs in Ordnung ist, wenn ich plötzlich in Unterwäsche dastehe. Ich wollte sie in keine blöde Situation bringen und wusste überhaupt nicht, wo die Grenze liegt. Letztendlich bin ich in die Garderobe gegangen.

Horres: Du hättest ja auch unten bleiben können. Die Jungs hätten sich äußern können, wenn es sie gestört hätte. Das löst vielleicht Peinlichkeit aus, aber es schafft auch Klarheit darüber, wie etwas ankommt. Um Grenzen überwinden zu können, muss ich sie erkennen. Dann kann ich mich zurückziehen, weil es mir zu viel ist oder ich taste mich behutsam heran. In unserem Projekt hätte man die Chance, Fragen zu stellen, in einem Schutzraum. Dabei geht es gar nicht nur um Unterschiede zwischen nationalen Kulturen, sondern auch um andere Gruppierungen. Das Verständnis darf stellenweise gerne aufhören, damit das Thema ernst genommen wird. Denn ein Heile-Welt-Gedanke ohne Verständigung bringt nichts.

 

Neuland © Stephan Bögel

Tamara Schmidt ist seit der Spielzeit 2015/2016 Leiterin der Jungen Deutschen Oper und begleitet WAS ICH SCHON IMMER SAGEN WOLLTE in der Tischlerei als Dramaturgin.

Bernarda Horres ist Regisseurin für Musiktheater und Schauspiel. Nach dem Studium in Frankfurt arbeitete sie im Bereich Chorarbeit und Regieassistenz bei Einar Schleef an den Städtischen Bühnen Frankfurt und dem Berliner Ensemble. Es folgten erste Regie-Arbeiten am Schauspiel Köln. Von 1996 bis 2001 war sie Mitglied der Schauspielleitung am Staatstheater Darmstadt. Parallel dazu Gastinszenierungen am Landestheater Linz und den Vereinigten Bühnen Krefeld. Seitdem arbeitet sie als freie Regisseurin an diversen Theatern, bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen und in den Sophiensaelen Berlin, sowie kontinuierlich als Gastregisseurin am Landestheater Linz. An der Staatsoper Hannover realisierte sie 2011 KING ARTHUR, ein Musiktheater-Projekt mit jungen Opernsängern und Jugendlichen. Beim Herbstferienprojekt WAS ICH SCHON IMMER SAGEN WOLLTE übernimmt sie die Regie.

Hanna Müller ist 17 Jahre alt und Schülerin aus Berlin. Sie nahm im Frühjahr 2016 an NEULAND der Jungen Deutschen Oper teil.

Cabdiqaadir Muuse ist 17 Jahre alt und kam vor circa drei Jahren aus Somalia nach Deutschland. Auch er nahm an der Produktion NEULAND teil.

Dieses Gespräch wurde erstveröffentlicht in der Tischlereizeitung No7, September 2016