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Stefan Herheim ... Mein Seelenort

Stefan Herheim, einer der gefragtesten Opernregisseure, inszeniert Wagners RING neu. Das Holocaust-Mahnmal sendet ihm eine Botschaft: Nichts ist sicher.

Ich mag das Holocaust-Mahnmal. Auf monumentale Art und Weise versucht es, Unvorstellbares zu vergegenwärtigen, Unsägliches, das niemals verschwiegen werden darf. Besonders beeindruckt mich, was hier nicht vorgesehen scheint; es ist, als hätten sich viele der extrem regulär angeordneten Betonklötze im Laufe der Jahre verschoben.

Es sind nur wenige Zentimeter, aber in dieser streng konzipierten Topografie erinnert jede Abweichung an die Unzuverlässigkeit unseres Daseins. Die leicht gekippten, tonnenschweren Stelen bringen die eigene Wahrnehmung ins Wanken und lassen spüren, dass kein Fundament sicher ist.

In Berlin wandeln wir auf verbranntem Boden, können der Geschichte kaum ausweichen. Das Holocaust-Mahnmal ist wie eine Stadt in der Stadt. Bäume sind an den die Ränder des riesigen Stelenfelds verdrängt, als Natur tritt vor allem der Himmel in Erscheinung. Jede Wolke reguliert Licht, Hitze und Kälte, von Minute zu Minute wandern die scharfen Schatten der Blöcke. In der Sonne glühen sie weiß, bei Nässe färben sie sich dunkel.

Das erste Mal, dass ich dieses Gelände betrat, war in den frühen Morgenstunden nach einer ausgelassenen Zechnacht auf dem Christopher Street Day. Das Holocaust-Mahnmal war nur wenige Wochen vorher eingeweiht worden. Auf meinem Heimweg lag es nun so offen und ruhig vor mir, dass ich mich allein wähnte. Drinnen spielte sich allerdings Verstohlenes ab, und als ich erkannte, dass es zwischen den Stelen des Denkmals wie in einem schwulen Darkroom zuging, fiel ich aus allen Wolken, beschämt und fasziniert zugleich über die Freiheit, die man sich in Berlin nimmt.

Ich bin in Norwegen aufgewachsen; meine Mutter ist Deutsche, auch meine Großmutter väterlicherseits war Deutsche. Als meine Mutter Ende der Fünfzigerjahre mit Achtzehn nach Norwegen kam – der zweite Weltkrieg und die deutsche Besetzung waren noch allgegenwärtig – hat sie sich schnell assimiliert. Zuhause wurde nur Norwegisch gesprochen und auf der Suche nach meiner Identität habe ich mich der deutschen Schuld zunächst aus norwegischer Perspektive genähert. Der verwurzelte Hass der Norweger gegen Deutschland wirkte bis tief in die Neunziger hinein. Zu dieser Zeit studierte ich in Hamburg. Kamen norwegische Freunde zu Besuch, konnte es nach einigen Bieren passieren, dass sie auf der Großen Freiheit fröhlich herumliefen, den Hitlergruß zeigten und sich totlachten.

Es gibt kaum ein Werk, das so stark in der Biografie seines Schöpfers verhaftet ist, wie DER RING DES NIBELUNGEN. Wagner begann ihn zur Zeit der Revolution von 1848 zu konzipieren, deren Scheitern ihn zum Staatsfeind machte und zur Flucht in die Schweiz zwang. Erst fünfundzwanzig Jahre später vollendete der Kulturflüchtling sein »Kunstwerk der Zukunft« und fand im dafür erbauten Festspielhaus in Bayreuth den ersehnten Hafen für sich und die vielen Vertriebenen, die seine Tetralogie bevölkern. Zur Kultstätte der Nazis vollends pervertiert, wurde hier die Kunst des Antisemiten Wagner in den Dienst der Vertreibung und Vernichtung ganzer Völker gestellt. Auch als Reaktion auf die heutige, andauernde Flüchtlingskrise, spielt Flucht eine große Rolle in unserem Regiekonzept für den RING. Er erzählt von einer inneren Flucht, auf der wir uns alle auf eine Art befinden, auch wenn wir in der Kunst Zuflucht suchen. Als Gefangene der Corona-Krise wissen wir nicht, ob wir realisieren können, was schon so lange gedeiht und wächst. Mich lähmt die allumfassende Ungewissheit und die Schizophrenie, so schnell wie möglich zu einem business as usual zurückkehren zu wollen, dessen Gier, Konsumwahn und Dauerbetriebsamkeit die Weltkrisen unserer Zeit verursachen.

 

Herheim zwischen den Stelen im Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Ihn fasziniert, wie die Klötze sich im Laufe der Zeit leicht verschoben haben © Jonas Holthaus
 
 

Hat die Kunst diesbezüglich als Wegweiser versagt? Wäre es vor 100 Jahren denkbar gewesen, das wirtschaftliche und kulturelle Leben ganz stillzulegen, um besonders vorerkrankte und ältere Menschen zu schützen? Ist die Bereitschaft, soziale Solidarität mitzutragen nicht auch etwas, das sich die kulturelle Prägung durch die Kunst anrechnen darf? Wie kann es dann sein, dass ausgerechnet Kulturschaffende in der jetzigen Krise an die Hungerhaken gehängt werden, als Exponenten eines Humanismus, der nicht nur geistiges Parfüm ist, sondern tatsächlich greift? Wagners »Kunstwerk der Zukunft« kommt ohne das Prinzip Hoffnung nicht aus. Auch in der heutigen, statistisch gesehen weit besseren Welt als zu Wagners Lebzeiten, bleibt das Bedürfnis nach einer Kunst, die fragt, wohin wir gehen. Das Paradies haben wir mit der Erkenntnisfrage verspielt, die uns zu einer auf sich selbst gestellten Menschheit macht. Die Verantwortung dafür zu tragen, ist und bleibt die Herausforderung.